Das 1-Kreditor-Modell reduziert Komplexität, verkürzt Abstimmungswege und schafft die Voraussetzungen für schnellere Entscheidungen im Einkauf.

In vielen Unternehmen entsteht ein bemerkenswertes Paradoxon. Je professioneller und strukturierter Einkaufsprozesse werden, desto länger dauern Entscheidungen. Dabei liegt das Problem oft nicht darin, dass unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Die meisten Beteiligten verfolgen dasselbe Ziel: wirtschaftlich einkaufen, Risiken minimieren, Prozesse effizient gestalten und die Versorgung sicherstellen.
Trotzdem ziehen sich Entscheidungen häufig über Wochen oder Monate hin. Die Ursache liegt selten in fehlender Kompetenz oder mangelnder Entscheidungsbereitschaft. Viel häufiger ist sie das Ergebnis einer Organisationsstruktur, in der Abstimmung zunehmend wichtiger wird als die eigentliche Entscheidung.
In modernen Unternehmen sind Beschaffungsprozesse längst keine reine Aufgabe des Einkaufs mehr. Fachabteilungen definieren Anforderungen, Finance bewertet Budgets und Zahlungsströme, Compliance prüft regulatorische Vorgaben und das Management möchte Transparenz über Ausgaben und Risiken. Jede dieser Perspektiven ist legitim und wertvoll.
Problematisch wird es erst dann, wenn aus der notwendigen Einbindung vieler Beteiligter eine Kultur entsteht, in der Entscheidungen erst dann getroffen werden dürfen, wenn jeder mögliche Einwand berücksichtigt wurde. Dadurch verschiebt sich der Fokus: Statt zu fragen, welche Lösung die beste ist, beschäftigt sich die Organisation zunehmend damit, ob alle Beteiligten ausreichend eingebunden wurden. Der Prozess wird zum Selbstzweck. Interessanterweise führt dies nicht zwangsläufig zu besseren Ergebnissen — in vielen Fällen werden Entscheidungen lediglich langsamer getroffen. Während Ressourcen in Abstimmungsschleifen fließen, bleiben Potenziale ungenutzt und operative Teams warten auf Freigaben, die eigentlich niemand grundsätzlich infrage stellt.
Besonders deutlich wird dieses Phänomen im indirekten Einkauf. Über Jahre gewachsene Lieferantenstrukturen führen dazu, dass für ähnliche Bedarfe zahlreiche verschiedene Kreditoren existieren. Einzelne Standorte arbeiten mit unterschiedlichen Lieferanten. Historische Entscheidungen werden fortgeführt, obwohl sich die Rahmenbedingungen längst verändert haben. Mit jeder zusätzlichen Lieferantenbeziehung steigt die Zahl der Prozesse, Prüfungen, Freigaben und Abstimmungen.
Komplexität entsteht dabei schleichend. Selten entscheidet sich ein Unternehmen bewusst für ein kompliziertes System — vielmehr wächst die Komplexität mit jeder Ausnahme, jedem Sonderfall und jeder zusätzlichen Lieferantenbeziehung. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Organisation mehr Energie für die Verwaltung ihrer Strukturen aufwendet als für die eigentliche Wertschöpfung.
Die Folgen sind weitreichender als viele Unternehmen vermuten. Wenn Entscheidungen lange dauern, steigen nicht nur Prozesskosten — auch die Organisation verliert an Reaktionsfähigkeit. Strategische Initiativen werden langsamer umgesetzt, operative Teams entwickeln Workarounds und Mitarbeitende verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, Informationen zusammenzutragen, Freigaben einzuholen oder Abstimmungen zu koordinieren.
Aus Sicht der Organisationsentwicklung ist dies ein klassisches Zeichen dafür, dass Komplexität die Leistungsfähigkeit eines Systems zu übersteigen beginnt. Das eigentliche Problem ist dann nicht mangelnde Entscheidungsfähigkeit — das Problem ist die Anzahl der Variablen, die vor einer Entscheidung berücksichtigt werden müssen.
Genau an diesem Punkt lohnt sich ein Blick auf die Lieferanten- und Kreditorenstruktur. Denn jede zusätzliche Geschäftsbeziehung erzeugt nicht nur Einkaufsvolumen, sondern auch administrativen Aufwand — neue Schnittstellen, neue Prüfprozesse und neue Abstimmungsbedarfe.
Das 1-Kreditor-Modell von Pedlar setzt genau hier an. Anstatt eine Vielzahl von Lieferantenbeziehungen administrativ abzubilden, wird die Beschaffung über einen zentralen Kreditor gebündelt. Dadurch reduziert sich nicht nur die Anzahl der Rechnungen, Freigaben und administrativen Prozesse — vor allem sinkt die organisatorische Komplexität hinter diesen Vorgängen.
Der entscheidende Vorteil liegt nicht allein in der Prozessvereinfachung. Er liegt darin, dass Organisationen wieder schneller handlungsfähig werden. Wenn weniger Abstimmungsaufwand erforderlich ist, entsteht mehr Raum für echte Entscheidungen. Einkaufsteams können sich stärker auf strategische Themen konzentrieren, anstatt einen wachsenden Verwaltungsapparat zu koordinieren.
Die Herausforderung moderner Einkaufsorganisationen besteht heute nicht mehr darin, ausreichend Informationen zu erhalten — viel häufiger besteht sie darin, aus einer Vielzahl von Informationen handlungsfähig zu bleiben. Wer Entscheidungsprozesse beschleunigen möchte, sollte deshalb nicht nur auf Freigaberichtlinien oder Verantwortlichkeiten schauen. Oft liegt der größte Hebel in der Reduzierung unnötiger Komplexität.
Denn in den meisten Unternehmen scheitern Entscheidungen nicht an fehlender Einigkeit — sie scheitern daran, dass zu viele Strukturen geschaffen wurden, bevor überhaupt entschieden werden kann.
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